Messerschmiede prägte den Ort
Die vor 80 Jahren gegründete Messerschmiede ist längst Geschichte, aber immer noch präsent im Ort und darüber hinaus
Die vor 80 Jahren gegründete und nach der politischen Wende von 1989 verkaufte Messerschmiede hat unseren Ort stark geprägt. Das zeigt sich bei Gesprächen mit älteren Leegebruchern heute noch, denn so manche der ehemals dort Beschäftigten erinnern sich insbesondere zu runden Jahrestagen an die Jahrzehnte gemeinsamen Schaffens in diesem Betrieb, dessen Entstehung und Entwicklung außergewöhnlich ist.
Quelle: Geschichtsverein/privatEinige der Gründerinenn und Gründer der Genossenschaft bei Einweihung des Gründersteins am 1.8.1954
Durch eine Vielzahl von Publikationen wie die „Leegebrucher historischen Blätter“ des Geschichtsvereins (Heft 4 und 5), das Leegebruch Journal und Presseartikel ist allgemein bekannt, dass gut ein Dutzend Vertriebene aus dem Sudetenland den zunächst kleinen Betrieb aus Schutt und Schrott der im Krieg zerstörten Heinkelwerke aufgebaut haben. Mit je 300 Reichsmark Eigenkapital gründeten sie am 1. August 1946 die Genossenschaft der Messerschmiede Leegebruch (GML), Geschäftsführer war Josef Kittel.
Gemeinsam mit den Leegebruchern machten sie innerhalb weniger Jahre die Messerschmiede (Standort heutige Eichenallee, Lidl) zu einem Vorzeigebetrieb der damaligen DDR und auch zu einer international geschätzten Produktionsstätte. Das haben die Gründer der erst vor einigen Jahren entdeckten (Anm.: Dank an Erwin Niestedt für Unterstützung) „Liste der Genossen für die Genossenschaft der Messerschmiede e.G.m.b.H. Leegebruch b. Velten, Eichenallee“ sicher nicht erwartet.
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
Quelle: Geschichtsverein/privatDeckblatt der „Liste der Genossen“ für die Genossenschaft der Messerschmiede Leegebruch
Der erste Eintrag in der Liste stammt vom Geschäftsführer Josef Kittel, Berufsangabe Eisendreher, Wohnort Leegebruch. Er und weitere 18 Männer und zwei Frauen trugen sich am 11. August 1946 handschriftlich als Genossen ein, ehe im Lauf der Zeit weitere folgten. Im November 1946 begann die noch mühsame Produktion von Küchenmessern und Bestecken. Als Lohn erhielten die Beschäftigten anfangs kein Geld, sie verkauften oder tauschten ihre Produkte bei Bauern gegen Naturalien ein. Erst als Gewinn erarbeitet wurde, konnten Stundenlöhne zwischen 80 Pfennig und 1,20 Mark gezahlt werden. Dabei erhielten Männer und Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Bis 1954 hatte sich das Anlagevermögen verzehnfacht und die Zahl der Beschäftigten betrug 252, davon 69 Genossenschaftler und 18 Lehrlinge. Die Gründergeneration hatte ihre Bewährungsprobe bestanden und war nun Brötchengeber für mehr als 250 Leegebrucher Familien. Alteingesessene, Flüchtlinge und Vertriebene waren zu einer Gemeinschaft geworden.
Quelle: Geschichtsverein/privatAuszug aus der „Liste der Genossen“ der Genossenschaft der Messerschmiede Leegebruch
1955 erfolgte nach teils erbittertem Widerstand die Umwandlung der Genossenschaft zum Volkseigenen Betrieb VEB (K) Messerschmiede Leegebruch. Nach der Verstaatlichung gelang es, den Betrieb erfolgreich weiterzuführen. Durch Gewinne konnten dem Ort materielle und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. So wurde 1970 mit der Leegebrucher Schule ein Patenschaftsvertrag abgeschlossen, um den Schülern handwerkliche Fähigkeiten in der Produktion zu vermitteln. Unterstützung erhielten auch der Leegebrucher Sportverein, die Freiwillige Feuerwehr, der Kindergarten und weitere Vereine. Da der Betrieb seiner Leistungen wegen immer wieder staatliche Auszeichnungen erhielt, wurden die denn auch jeweils vom ganzen Ort gefeiert.
Antrag auf Restitution abgelehnt
Als nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 eine neue Zeit begann, war man zunächst noch zuversichtlich, aber ein Antrag auf Rückgabe (Restitution) der Messerschmiede an die früheren Inhaber, die Genossenschaftler, wurde abgelehnt. Erste Entlassungen folgten und am 14. Februar 1991 verkaufte die Treuhandanstalt die Geschäftsanteile der Messerschmiede Leegebruch komplett an einen Betrieb in Gummersbach. Mit dem späteren Verkauf von Gebäuden und Grundstücken entstand auf dem ehemaligen Leegebrucher Firmengelände ein Gewerbepark für kleine und mittelständische Betriebe. 2001 wurde zuletzt das alte Hauptgebäude abgerissen, um Platz für den neuen Lidl-Markt zu schaffen.
Viele Nachkommen der Gründer und auch spätere Mitarbeiter leben noch in Leegebruch, und selbst nach Schließung und Abriss des Betriebes sind die Jahrzehnte gemeinsamen Miteinanders bis heute sehr präsent. Eine schöne Geste der Gemeindeverwaltung war es daher, dieser Vergangenheit zur Einweihung des neuen Rathauses 2018 an prominenter Stelle einen dauerhaften Erinnerungsort zu widmen. Engagierte Leegebrucher und die Firma artec AIS, die sich im kleinen Gewerbepark hinter Lidl angesiedelt hatte, halfen dabei.
Quelle: Geschichtsverein/privatDer alte Schmiedehammer vor seiner Wiederentdeckung und Restaurierung auf dem Gelände der früheren Messerschmiede
Der beim Abriss der Messerschmiede zurückgelassene und wohl nicht verwendbare alte Schmiedehammer vom Typ Schwanzhammer stand vor dem Eingang von AIS noch herum (Foto links). Er wurde restauriert, und mit Infotafeln versehen ist er nun ein ortsbildprägender Hingucker auf der kleinen Grünanlage vor dem Rathaus.
Ulrike Unger
Großfamilie Schmiedehammer
„Wieso steht da Schmiedehammer, das ist ein Pochhammer … nein, ein Richthammer, so hieß er doch damals bei uns … Na ja, ich kann mich auch noch gut erinnern an die Bezeichnung Schwanzhammer, das sagten wir aber eher weniger“ … Ja was denn nun?
Schon der erste Blick auf die Geschichte zeigt, dass die Familie der Schmiedehämmer riesig ist und einen Jahrtausende alten Stammbaum hat. Vom kleinen Handhammer über den großen mechanischen Fallhammer und weitere Arten ist für jeden Zweck alles dabei, um mit Wasser- oder Stromantrieb Metalle zwischen zwei Werkzeugen zu formen.
Der von den Gründern der Messerschmiede selbst zusammengebaute und nun vor dem neuen Rathaus aufgestellte Schmiedehammer ist ein Fallhammer vom Typ Schwanzhammer – mit den Merkmalen Kopf, Stiel, Schwanz. Diese Bauweise stammt aus dem späten Mittelalter und war zunächst für Wasserkraft vorgesehen. Woher die in Leegebruch verbauten Teile kamen, ist nur zum Teil bekannt.
Modernisiert und ausgestattet mit Transmissionsriemen für elektrischen Antrieb versah er seinen Dienst jahrzehntelang. Wohl total unmodern, blieb er vom Abtransport nach Schließung der Messerschmiede verschont und wurde einfach stehen gelassen.
Sein unablässiges Pochen hatte zur Geräuschkulisse des Ortes gehört. Und diesem Pochen verdankte er die gängige Bezeichnung Pochhammer. Klingen und andere Teile wurden auf dem kleinen Amboss durch mehrfaches Pochen in die gewünschte Form gebracht, also gerichtet. Und darum nannte man ihn auch Richthammer. Alles richtig, irgendwie, oder?
Anekdote am Rande: Blieb das gewohnte Pochen mal aus, so fragten die Leegebrucher besorgt: „Oh, ist Helga krank?“ Helga Ass war die Chefin am Hammer. Sie kannte ihn mindestens so gut wie die männlichen Kollegen und reparierte bei Problemen meist selbst – und solange war es still im Ort.
Ulrike Unger






©Liane Protzmann
©Ulrike Unger
Geschichtsverein/privat
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